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Der jüdische Kindertransport nach England (1938)

Erfahrungen von Entwurzelung und Akkulturation, Auswirkungen auf Identitätsentwicklung und transgenerationelle Weitergabe

Ruth Barnett

Zwischen November 1938 und August 1939 wurden rund 10.000 Kinder ohne ihre Eltern nach England gebracht, um sie vor dem fast sicheren Tod zu bewahren. Wie haben sie dieses Trauma verarbeitet? Was war der Preis für das Überleben? Und welche Konsequenzen hatte es für die Kinder und Enkel?

Ruth Barnett (geb. Michaelis) war eines dieser Kinder. Obwohl die Mutter sie nach dem Krieg in die Familie  nach Deutschland zurückholte, war sie nicht in der Lage, hier wieder Fuß zu fassen. Sie ging nach einem Jahr nach England zurück und lebt hier bis heute mit ihrer Familie. Nach fast 20 Jahren Tätigkeit als Lehrerin absolvierte sie eine psychoanalytische Ausbildung und arbeitet seitdem in eigener Praxis, inzwischen überwiegend in Lehr- und Supervisionstätigkeit.
Vor allem aber engagiert sich Ruth Barnett für die Vermittlung ihrer persönlichen Erfahrungen an junge Menschen in Schulen, Universitäten und Seminaren, auch in Deutschland.

Viele der so Geretteten tragen auch heute noch eine schwere Bürde. Psychologen sprechen vom Schuldgefühl der Überlebenden, und wer diesen Menschen in die Augen sieht weiß, dass der Holocaust in ihnen nach wie vor gegenwärtig ist und wie sehr eine Forderung nach einem „Schlussstrich“ an ihrer Lebensrealität vorbeiläuft. Nicht wenige der durch den Kindertransport Geretteten haben ihr Schicksal in ihrem Innern verschlossen; es gibt Fälle, in denen nicht einmal die eigenen Kinder oder der Ehepartner von der Geschichte dieser Menschen wussten. Wer so überlebt hatte, wollte einen Neuanfang und verschwieg oft aus Selbstschutz seine Vergangenheit.“ (Zitat: Dr. Michel Friedman, 2001)