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Die Auswirkungen des Holocaust auf die 2. Generation der Sinti und Roma

Gemeinsame Veranstaltung des Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma und PAKH in Heidelberg

Am Vormittag führte Silvio Peritore, der Leiter des Kultur- und Dokumentationszentrums durch die ständige Ausstellung des Hauses zum Thema „Der Genozid an den Sinti und Roma“ mit anschließender Diskussion.

Zum Einstieg in die dann folgende Veranstaltung wurde die Arbeit des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma durch Herrn Peritore vorgestellt. Michael Teupen gab eine kurze Übersicht über die Arbeit des Bundesverbands „Information und Beratung für NS-Verfolgte“ in Köln und Peter Pogany-Wnendt über die Arbeit von PAKH.

Die Nachmittagssitzung begann mit der Vorführung von Video-Interviews, in denen Holocaust-Überlebende über ihre traumatischen Erfahrungen während der NS-Zeit berichteten. Es wurde deutlich, wie stark diese Menschen noch heute unter den Folgen des Genozids und des NS-Terrors leiden. Die Überlebenden sind schwer gezeichnet, oft psychisch krank und in ihrem Leben stark eingeschränkt. Dies hat auch heute noch einen starken Einfluss auf ihr Familienleben.

Ein großes Problem für die Verarbeitung der Traumatisierung war die erst spät durch Bundeskanzler Helmut Schmidt im Jahre 1982 erfolgte offizielle Anerkennung des Genozids an die Sinti und Roma. Entscheidend war dies auch für die Möglichkeit, Wiedergutmachungs-Leistungen zu beantragen.

Wie die Holocaust- Erfahrung auch heute noch auf die Lebenssituation der 2. und 3. Generation einwirkt, das schilderten die Ehepaare Lagrene und Marschall sehr eindringlich. Die Familien wurden durch den Genozid dezimiert. Der in ihrer Kultur stets wichtige Familienverbund war nach dem Krieg bei den meisten nicht wieder herstellbar. Am Rand der Gesellschaft in ärmlichsten Verhältnissen lebend, fühlten sie sich weiterhin ausgestoßen und bedroht. Auch nach dem Krieg wurden sie von den staatlichen Behörden immer noch  als „Zigeuner“ kriminalisiert und diskriminiert. Überall begegnete man ihnen in der Mehrheitsgesellschaft mit großem Misstrauen. Bis heute hat sich dies nicht geändert.

Als eine verhängnisvolle Folge der NS-Verfolgung und des Holocaust wurde die schlechte Bildungssituation der Sinti und Roma hervorgehoben. Unter dem NS-System durfte die Überlebenden-Generation keine Schulen besuchen. Der Nachkriegs-Generation wurde der Zugang zu weiterbildenden Schulen verwehrt.
Ältere Familienangehörige, die traditionell mündlich ihr Wissen und ihr Brauchtum an die nächste Generation weiter vermittelt haben, kamen im Holocaust um.
Das große Bildungsdefizit erleben sie heute als sehr schmerzlich und verunsichernd.

Das Schweigen in den Familien verhinderte über lange Zeit eine Verarbeitung des Traumas. Inzwischen betont die zweite Generation  ausdrücklich, wie wichtig für Sinti und Roma die Erinnerung an den Holocaust ist, wie wichtig ihnen Erinnerungsorte sind. Die Leidensgeschichten der Überlebenden werden sehr einfühlsam und mit großem Respekt vor der eingeschränkten Belastbarkeit der traumatisierten Menschen niedergeschrieben, damit das Leid der Opfer des Holocaust nie vergessen wird. Ein solches Verbrechen darf sich nie mehr wiederholen.

Die Schwierigkeit einer Verarbeitung des Leids der Eltern in der 2. Generation hat dazu geführt, dass das Unverarbeitete auch an die 3. Generation weitergegeben wurde. Das Nicht-Abschirmen-Können vor den Auswirkungen des Holocaust der Kinder und Enkelkinder, wird als sehr belastend empfunden. Die transgenerationelle Weitergabe von nicht bewältigtem Leid an die nächste Generation ist nicht vermeidbar.